/

migrationplus – Fachverband für professionelle Arbeit Migration und Integration
Übersetzungen
DE / FR durch
Mathilde Defferrard
 
 

Postfach 1
2501 Biel / Bienne
info@migrationplus.ch

 
 
 
migrationplus
2500 Biel-Bienne
CH10 0900 0000 6058 6254 8
 
 

 
 

 
 
 
        Werden Sie Mitglied !
 
 
 
 
 

 
 

"Die Migrationsfachleute kommen..." Von Boris Gygax. ©  Basler Zeitung 08.09.2015

Das Ausbildungsangebot wird stetig ausgebaut, trotzdem kämpft die Branche um Anerkennung. Die Kurse jedoch stossen auf reges Interesse.

Die Arbeit mit Migranten hat sich in den letzten zehn Jahren professionalisiert. Mittlerweile gibt es an den Fachhochschulen sehr spezifische Weiterbildungen. An der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) werden beispielsweise Kurse mit dem Namen «Migration und Behinderung», «Migranten aus Südosteuropa» oder «Migranten muslimischen Glaubens» angeboten. An der Hochschule Luzern können «Fachleute aus dem Bildungssektor» sich mit dem Kurs «Herausforderung (radikalisierter) Islam – ein mehrperspektivisches Fachseminar für die Jugendarbeit» weiterbilden.
Nächste Woche nimmt an der FHNW ein weiterer Jahrgang den Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit in Angriff. Alle 330 Studienplätze sind belegt, es gibt sogar eine Warteliste. «Dies ist seit Jahren so», sagt Luzia Jurt, die an der Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW im Schwerpunkt «Migration» lehrt, forscht und Weiterbildungen durchführt. Seit der Einführung dieses Bachelor-Studiengangs vor neun Jahren ist das Angebot stets ausgebucht. Es werden sieben Vertiefungsrichtungen angeboten: Alter, Armut und Erwerbslosigkeit, Behinderung und Beeinträchtigung, Gesundheit und Krankheit, Soziale Ungleichheit und Raum, Kindheit und Jugend sowie Migration. Zwei müssen die Studierenden dabei wählen. Die Richtung Migration gibt es seit 2008 und ist äusserst beliebt: «Wir haben eigentlich zu viele Studierende in diesem Bereich», sagt Luzia Jurt.
 
Anstoss in den 90er-Jahren
Die Beliebtheit erklärt sie sich mit dem sehr breiten Arbeitsfeld. Überall, wo begleitet und beraten werde, brauche es Migrationsfachleute: in den kantonalen- und Bundesbehörden, bei Sozialversicherungen, Stiftungen oder Vereinen, zählt Jurt auf. «Migration ist überall.» Der Bereich sei zudem seit Jahren aktuell und habe daher auch politische Unterstützung. Die Folgerung, dass der Ausbau und die Professionalisierung der Betreuung von Migranten auch eine Nachfrage an entsprechenden Fachleuten erzeugt, glaubt Jurt nicht. «Wer diese Vertiefungsrichtung wählt, geniesst keine Jobgarantie.»
Fakt ist: Die Ausbildungsangebote im Migrationsbereich werden seit gut zehn Jahren ausgebaut. Dies habe vor allem mit den zunehmenden Einwanderungen in den 1990er-Jahren zu tun, sagt Anna Sutter, Co-Präsidentin von Migrationplus, dem nationalen Fach­verband für professionelle Arbeit in Migration und Integration. Mit ihrer Abschlussarbeit 1999 eines Nachdiplomstudiums an der höheren Fachschule Brugg (später FHNW) gab die ehemalige Leiterin eines Flüchtlingsheimes einen Anstoss dafür, dass knapp zehn Jahre später die Ausbildung «Migrationsfachperson» lanciert wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur das (meist kantonale) Kurswesen, wo sich Sozialarbeiter und andere Berufstätige in diesem Feld weiterbilden konnten. Die sogenannte Ausländerberatung erledigten die Kirchen, ergänzt Jurt. Das Thema Migration sei jedoch immer aktueller und politischer geworden, «und somit auch das Bedürfnis nach Professionalisierung und anerkannter Ausbildung», sagt Sutter.
 
Juristische Grundlagen vermittelt
Um den Ruf des Sozialarbeiters steht es nicht zum Besten – trotz Ausbau der Ausbildungsangebote. «Viele haben das Gefühl, es brauche keine Kompetenzen, sondern lediglich den gesunden Menschenverstand», sagt Jurt. «Dies kommt wohl daher, dass der Sozialarbeiter in erster Linie spricht», vermutet Sutter. Es fehle die Einsicht, dass der Sozialarbeiter auch fachliches Know-how mitbringen muss.
Ein grosser Bestandteil der Ausbildung sei die Vermittlung juristischer Grundlagen im Sozialversicherungsrecht und der Sozialpolitik, erklärt Jurt. Grundlagen des Asylrechts gehören ebenfalls dazu. Ein anderer Schwerpunkt: der Umgang mit Migranten. Diesen könne man nicht nach Schema X lernen. «Wir bringen den Studierenden bei, sich mit Offenheit und frei von Stereotypen auf die Migranten einzulassen.» Ansonsten sei man in einem Raster gefangen und schaue nicht mehr genau hin. Die Methoden würden immer wieder in Fallbeispielen und -übungen trainiert. Ziel sei es, den Reflexionsprozess über das eigene Handeln zu fördern, ohne sich von Medien oder der Gesellschaft beeinflussen zu lassen, führt Jurt aus.
 
Anerkennung durch Diplom
Mittlerweile arbeiten Profis mit den Migranten. Sutter würde nicht so weit gehen, die frühere Betreuung grundsätzlich als schlechter zu bezeichnen. Doch die Ausbildung sei eine Möglichkeit, Qualität zu erlangen, eine Vergleichbarkeit herzustellen und Standards festzulegen. Zudem sei diese der heutigen Komplexität des Berufes angepasst worden, sagt Sutter.
Das Bedürfnis nach einer Ausbildung wie jene der Migrationsfachperson sei aus der Praxis heraus entstanden. «Mit einem Diplom verschafft sich die Migrationsfachperson auch mehr Anerkennung.» Ein weiteres Motiv: In den Lohnverhandlungen kann der Sozialarbeiter mit der Ausbildung höhere Ansprüche anmelden.
 
Komplexe, belastende Aufgaben
Während ein Bachelor-Student die üblichen Studiengebühren bezahlt, sind die Weiterbildungen für den Teilnehmer nicht gerade günstig. Ein zweitägiger Kurs kostet 800 Franken. Die meisten Teilnehmer verfügen schon über eine Grundausbildung, weiterführende Kurse werden oft vom Arbeit­geber bezahlt. «Wie viele ihre Weiterbildungen selber bezahlen, kann ich nicht sagen», sagt Jurt. Jedoch sei klar, dass die Finanzierung eine Rolle spiele, ob dieser absolviert wird oder nicht. Der CAS-Kurs «Migrationssensibles Handeln» beinhaltet einen Pflichtbereich von 18 Tagen und einen Wahlbereich von vier Tagen. Kosten: 6900 Franken. Er findet dieses Jahr nicht statt.
Die Aus- und Weiterbildungen entstehen im Austausch zwischen Praxis und Hochschule. «Wir arbeiten sehr eng und wechselseitig zusammen», sagt Jurt. Der Staat habe alle Interessen, die Fachleute im Bereich Migration gut auszubilden, ergänzt Sutter. Daher wurde auch der Beruf eidgenössische Migrationsfachperson 2007 vom Bund anerkannt. Jeder Fachausweis werde auch vom Bund geprüft. «Es ist ein Bedürfnis, dass die komplexen und auch belastenden Aufgaben im Migrationsbereich von Profis ausgeführt werden.» (Basler Zeitung)